Ich möchte euch ein Motorradreisebuch vorstellen, das mich von Anfang an zum Schmunzeln brachte und beinahe entsetzte. Nur „beinahe“, denn eigentlich erinnerte es mich daran, wie ich selbst in jüngeren Jahren gereist bin: eine Idee haben und dann die ganze Energie darauf verwenden, die Reise irgendwie möglich zu machen, statt sich damit zu beschäftigen, wie unzureichend vorbereitet und knapp bei Kasse man eigentlich war.
Michele Ricucci ist ein sehr bekannter und angesehener Fotograf und Drohnenpilot. Seine Fotografien wurden bereits an verschiedenen Orten auf der ganzen Welt ausgestellt, und das Bildmaterial, das er produziert, ist schlicht fantastisch.
The Gringo’s Tales ist sein erster Versuch, ein Buch zu schreiben, und ich möchte meine Anmerkungen gleich damit beginnen, dass ich hoffe, es wird nicht sein letzter bleiben.
Gute Fotografen schaffen meiner Meinung nach Bilder, die Geschichten erzählen – mit einer beinahe magischen Mischung aus subtiler Zurückhaltung oder direkter Härte, aus Dramatik und Schönheit. Die Besten unter ihnen scheinen noch etwas besonders Kluges hineinzuwirken: etwas, das sie sehen und das den meisten anderen verborgen bleibt, bis der Fotograf es ihnen zeigt. Als ich zum ersten Mal von diesem Buch hörte, fragte ich mich, ob Michele mit Worten ebenso eindrucksvolle Bilder schaffen kann. Er kann.
The Gringo’s Tales nimmt den Leser mit auf eine Motorradreise von mehr als 9.000 Meilen durch Mexiko. Michele bricht gemeinsam mit Roberto, einem befreundeten Restaurantbesitzer aus Italien, auf zwei ausgesprochen fragwürdigen Motorrädern auf. Motorrädern, von denen ihnen „jeder“ abriet, damit quer durch Mexiko zu fahren. Der Punkt war allerdings: Ihr Budget war winzig. Mir kam sofort das alte Sprichwort in den Sinn, dass ein Schneider seinen Anzug nach dem vorhandenen Stoff zuschneiden muss.
Als Michele diese Reise unternahm, hatte er bereits in Südamerika eine gebrauchte Honda XR 150 gekauft und damit mehr als 21.000 Meilen zurückgelegt. Ach ja – ich sollte vielleicht erwähnen, dass er keinen Motorradführerschein hatte …
Das Buch besitzt mehrere Ebenen, die meine Aufmerksamkeit nicht nur hielten, sondern immer wieder neu fesselten. Eine davon ist Micheles Wunsch, die Welt fernab von Booking.com und touristischen Sehenswürdigkeiten kennenzulernen. Ihn zieht es abseits der bekannten Wege, zu Menschen, die keine andere Wahl haben, als ihr Leben mit Mut, Einfallsreichtum und harter Arbeit zu meistern – und sich dabei dennoch Freundlichkeit und Wertschätzung bewahrt haben.
Michele ist ein Mensch, der sich weniger Gedanken darüber macht, wie sauber eine Unterkunft ist, sondern vielmehr darüber, dass es überhaupt einen Platz zum Schlafen gibt. Er hört sich Ratschläge an und macht anschließend einen Plan, der seinen eigenen Instinkten folgt. Meistens sind diese Instinkte gleichermaßen mutig wie erstaunlich treffsicher. Manchmal fragte ich mich allerdings, ob er noch alle Tassen im Schrank hat. Trotzdem liest man weiter – respektvoll und voller Hoffnung.
Abgesehen davon, dass seine „Bilder aus Worten“ großartig sind, möchte ich eigentlich nicht viel mehr über dieses Buch verraten. Sonst würde ich Gefahr laufen, etwas von seiner unmittelbaren Anziehungskraft zu nehmen.
Was ich allerdings sagen möchte: Wenn du Motorrad fährst, wird dich dieses Buch interessieren. Wenn du es liebst, mit dem Motorrad zu reisen, wirst du vermutlich staunen – und ja, an einigen Stellen vielleicht auch ein wenig entsetzt sein. An anderen wirst du von den Geschichten mitgerissen, von den unerwarteten Wendungen und von Micheles Art, sie zu erzählen. Ich vermute, dass du das Buch am Ende zuklappen und denken wirst: „Wow, was für eine Reise.“
Ich musste danach erst einmal eine ganze Weile still dasitzen und das Gelesene sacken lassen. Ganz gelungen ist mir das bis heute nicht. Für mich ist es definitiv ein Buch, das bleibt, und ich habe keinen Zweifel daran, dass ich es noch mehrmals lesen werde.
The Gringo’s Tales erschien im Januar und ist bei Amazon erhältlich




