By Duncan Gough / Sprache: Englisch
ISBN 978-0995745483
Ein persönlicher Leitfaden zum Entschleunigen
Es gibt Reiseführer, die einem sagen, wohin man fahren soll, und dann gibt es solche, die die Art und Weise, wie man reist, nachhaltig verändern. Back Roads of the Catalan Pyrenees: Cardona to El Pont de Suert von Duncan Gough bewegt sich irgendwo zwischen Anleitung und Reflexion. Es ist weder ein Handbuch voller Informationen noch eine Erzählung im traditionellen Sinne. Es wirkt persönlicher: teils Routenführer, teils Reisetagebuch, teils ausführliches Gespräch mit einem Mann, der Jahrzehnte damit verbracht hat, langsam durch Spanien zu reisen und dabei auf die Dinge zu achten, an denen die meisten Reisenden unbemerkt vorbeigehen.
Gerade das macht den Reiz des Buches aus, denn schon auf den ersten Seiten wird klar, dass es in diesem Buch nicht darum geht, Reiseziele abzuhaken oder Erlebnisse in eine effiziente Abfolge von Höhepunkten zu pressen. Es widersetzt sich diesem Instinkt. Was Gough stattdessen bietet, ist eine Art des Reisens, bei der Achtsamkeit vor Geschwindigkeit, Interaktion vor Reiseplan und Verständnis vor bloßer Fortbewegung stehen.
Goughs vielfältiger Hintergrund—Landwirt, Ingenieur, Bühnenbildner, Reiseschriftsteller—wird nicht durch großspurige Aussagen, sondern durch seine Art, die Welt zu beobachten, deutlich. Der erste Abschnitt, Ways of travelling, gibt den Ton vor. Hier stellt er die Vorstellung infrage, dass Reisen durch das Ankommen definiert wird, und setzt dabei die moderne Besessenheit von Endpunkten leise und unauffällig außer Kraft, um sie durch etwas Bodenständigeres zu ersetzen. Er regt zu Gesprächen mit Einheimischen, zu Achtsamkeit gegenüber den Rhythmen des Alltags und zu Interesse daran, wie Orte unter der Oberfläche funktionieren, an. Es handelt sich nicht um idealisierte Ratschläge, sondern um praktische, beinahe entwaffnende Tipps: Sag Danke. Lerne, wie sich die Menschen begrüßen. Achte darauf, wie Städte gebaut sind und warum sie diese Form haben. Das sind einfache Ideen, die jedoch selten konsequent umgesetzt werden—genau darin liegt die Relevanz des Buches.
Der Reiseführer folgt einer festgelegten Route von Cardona nach El Pont de Suert, die in überschaubare Etappen unterteilt ist. Diese schlängeln sich logisch durch die Landschaft. Entfernungen, Straßennummern und Navigationshinweise sind vorhanden und verleihen der Reise auf dem Papier eine klare Struktur. In der Praxis dient die Route jedoch weniger als Zielsetzung, sondern vielmehr als roter Faden, als lockeres Rückgrat, das die Erzählung zusammenhält und gleichzeitig Raum lässt, damit sich der eigentliche Kern des Buches entfalten kann. Eine auf einer Michelin-Karte entdeckte Abzweigung wird zum Anlass für eine Erkundung. Eine wegen ihrer “Kurven” gewählte Bergstraße wird zu einem Highlight für sich. Ein Cafébesuch kann zu einem unerwarteten Moment der Verbundenheit werden und ein kleines Dorf kann ein Fenster zur Geschichte und zum Alltag öffnen. Die Reise wird dem Leser nicht aufgezwungen, sondern entwickelt sich sanft und natürlich.
Eine der stillen Stärken dieses Reiseführers sind die Details, die sich nicht sofort offenbaren. Praktische Beobachtungen sind so in die Erzählung eingewoben, dass sie sich eher natürlich als belehrend anfühlen. Dazu gehören leicht zu übersehende Tankstellen, von Holztransportern zerfurchte Straßenbeläge und die Realität schmaler Bergpässe, auf denen ohne Vorwarnung Reisebusse auftauchen. Das sind Einsichten, die nur durch Wiederholung und Erfahrung entstehen. Sie werden nicht als Checklisten oder Stichpunkte präsentiert, sondern beim Lesen fast unbewusst aufgenommen. Es ist Wissen, das mit der Zeit in der Landschaft erworben wurde und eine Lücke füllt, die in ausgefeilteren, kommerziell orientierten Reiseführern oft unberührt bleibt.
Der historische Kontext wird mit ähnlicher Zurückhaltung behandelt. Verweise auf Katharerwege, römische Siedlungen, die Narben des Bürgerkriegs sowie den Aufstieg und Niedergang kleiner Industriezweige sind vorhanden, überwältigen den Leser jedoch nie. Stattdessen verleihen sie dem Text Struktur und der Landschaft Tiefe, ohne die Reise zu verlangsamen. Man erhält genau die Informationen, die nötig sind, um zu verstehen, wo man sich befindet und warum dies von Bedeutung ist, bevor es weitergeht. Es ist ein sorgfältig gewahrtes Gleichgewicht, das das Buch mit ruhiger Zuversicht aufrechterhält.
Hervorzuheben ist die persönliche Ebene des Reiseführers, die möglicherweise polarisiert. Während seiner Reise hält Gough kleine Beobachtungen, flüchtige Begegnungen und Momente fest, die zwar keinen offensichtlichen Bezug zur Route selbst haben, aber dennoch nachwirken. So fährt beispielsweise eine Scooterfahrerin im Negligé völlig gelassen vorbei. Auf einem Dorfplatz zünden Kinder Feuerwerkskörper, während die Erwachsenen unbekümmert zusehen. Diese Momente bringen die Reise in keinem praktischen Sinne voran, aber sie erwecken sie auf eine Weise zum Leben, wie es rein funktionale Reiseführer selten schaffen. Sie erinnern daran, dass Reisen keine Abfolge von Wegpunkten ist, sondern eine Sammlung von Eindrücken, von denen die meisten ungeplant und unwiederbringlich sind.
Bei aller Stärke verlangt dieses Buch dem Leser doch einiges ab. Sein bewusst locker gehaltener Aufbau verleiht ihm zwar einen gewissen Charme und Authentizität, bedeutet aber auch, dass Informationen nicht immer sofort so zugänglich sind, wie es moderne Reisende gewohnt sind. Es handelt sich nicht um einen Reiseführer, den man am Straßenrand schnell überfliegt, um eine Entscheidung zu treffen. Er belohnt Zeit und Aufmerksamkeit und bietet im Gegenzug ein tieferes Gefühl für den Ort. Die visuelle Gestaltung folgt einer ähnlichen Logik. Lange Absätze dominieren und die handgezeichneten Karten und Skizzen verleihen dem Werk nicht nur Charakter, sondern unterstreichen auch seinen persönlichen Stil. Dabei stellen sie Atmosphäre über Präzision. Für manche Leser, insbesondere diejenigen, die an stark strukturierte, systematisch aufgebaute Reiseführer gewöhnt sind, kann dies eine Umstellung bedeuten.
Erwähnenswert ist, dass sich der Reiseführer vorwiegend auf das Reisen auf der Straße konzentriert und dabei den Schwerpunkt auf Motorradreisen legt. Zwar werden auch andere Möglichkeiten und gelegentliche Abstecher erwähnt, jedoch wird kein umfassender Rahmen für Overlandreisen mit detaillierten Fahrzeuganforderungen, Campingstrategien oder logistischen Systemen geboten. Dies wirkt jedoch weniger wie eine Auslassung, sondern eher wie eine bewusste Entscheidung. Das Buch macht von Anfang an klar, was es sein will, und bleibt dieser Absicht durchgehend treu.
Was dieses Buch—vielleicht besser als die meisten Reiseführer—schafft, ist, den Leser zu entschleunigen. Nicht durch Anweisungen, sondern durch seinen Ton. Auf diesen Seiten herrscht keine Eile, kein Druck, alles zu optimieren oder zu maximieren. Stattdessen wird man immer wieder sanft dazu ermutigt, innezuhalten, genauer hinzuschauen und die Reise in ihrem eigenen Tempo zu erleben. Es plädiert auf ruhige Weise dafür, eine Papierkarte zu benutzen, nach dem Weg zu fragen, gelegentlich die falsche Abzweigung zu nehmen, um zu sehen, wohin sie führt. In einer Landschaft, die zunehmend von Algorithmen und Effizienz geprägt ist, wirkt dieser Ansatz beinah trotzig.
Letztendlich ist Back Roads of the Catalan Pyrenees kein moderner, systemorientierter Reiseführer. Er ist vielmehr ein Begleiter. Etwas, das man vor einer Reise liest, auf dem Weg immer wieder zur Hand nimmt und über das man im Nachhinein nachdenkt. Er will weder deine Karte ersetzen, noch will er dir deine Route vorschreiben. Was er stattdessen bietet, ist ein Perspektivwechsel und die Erinnerung daran, dass es genauso wichtig ist, wie man reist, wie wohin man reist. Für den richtigen Leser ist das nicht nur nützlich, sondern von bleibendem Wert.




