Editorial

49 Fische und ein Fluss: Mit 65 noch einmal die Schulbank drücken.

Written by Mike Brailey 12 minute read
Der Rhein bei Köln im Sonnenuntergang, das zentrale Motiv von Michael Braileys Editorial über seine Rückkehr zum Angeln mit fünfundsechzig.

Wenn ich morgens aufwache und der Wind aus der richtigen Richtung weht, höre ich das tiefe Pulsieren der Dieselmotoren, die Lastkähne den Rhein hinauf- und hinunterschippern. Für die meisten Menschen ist das nichts weiter als ein Hintergrundgeräusch. Für mich hat es etwas Beruhigendes. Es bedeutet, dass der Fluss seinen gewohnten Lauf nimmt und die Welt vor meiner Haustür so funktioniert, wie sie soll. Stille macht mich dagegen stutzig. Im Laufe der Jahre habe ich gelernt, dass der Rhein nur selten ohne Grund verstummt. Entweder herrscht Niedrig- oder Hochwasser. Zu wenig Wasser unter den Schiffen oder zu viel unter den Brücken. In beiden Fällen verändert sich der Verkehr. Bei Hochwasser werden die Uferwege zu Sammelstellen für angeschwemmte Äste und Treibgut und die Wiesen, auf denen im Sommer Schafherden grasen, verschwinden kilometerweit unter Wasser. Bei Niedrigwasser liegen die Lastkähne deutlich höher im Wasser, fahren mit verminderter Ladung und halten sich vorsichtig im tiefsten Teil der Fahrrinne auf.

Der Rhein ist ein mächtiger Fluss. Ein gewaltiger Strom. Wenn draußen die Lastkähne unterwegs sind und das tiefe Brummen ihrer Dieselmotoren über den Damm zu mir herüberhallt, weiß ich, dass vermutlich alles in Ordnung ist. Schließlich liegt dieses Stück Rhein keine hundert Meter von meiner Haustür entfernt.

Abgesehen vom Fluss selbst, auf dem Tanker, Containerschiffe, Sandkähne und andere Frachter unterwegs sind, herrscht auch an den Ufern reges Leben. Hundehalter, Jogger, ältere Ehepaare mit ihren Rollatoren, Schulkinder, die morgens noch schnell zum Unterricht eilen oder nachmittags gemächlich nach Hause schlendern, und Radfahrer auf dem Weg zur Arbeit. Jeder hat es eilig, den Blick auf das Ziel gerichtet, das vor ihm liegt. Ein freundliches Guten Morgen oder Guten Tag bleibt manchmal unbeantwortet, bis man beim Näherkommen die Earbuds entdeckt, die ihren Träger vermutlich längst in seine eigene Welt aus Musik oder Podcasts entführt haben.

Seit dreißig Jahren lebe ich nun hier. Zugegeben, Arbeit und Alltag haben auch mich lange blind gemacht. Ich wusste, dass da mehr war, habe aber nie wirklich wahrgenommen, was dieser Fluss alles zu bieten hat: Auenlandschaften, kleine Wälder, steinige Ufer, die sanft ins Wasser übergehen. Die Geräusche. Das Plätschern des Wassers. Das Rascheln der Blätter im Wind. Natur. Tierwelt. Es ist eine lebendige Umgebung, aber keine laute.

Ein Frachtschiff fährt bei Niedrigwasser über den Rhein; im Vordergrund liegen freiliegende Kiesbänke.
… und im Juli dieses Jahres.

Eigentlich begann meine Beziehung zum Rhein schon 1981. Damals überquerte ich zum ersten Mal die alte Holzbrücke von Stein am Rhein in der Schweiz nach Bad Säckingen, dem Ort, an dem ich mich nach meinem Umzug aus Großbritannien zunächst niederließ. Ich war zwanzig Jahre alt. Im Sommer gingen wir mit Freunden im Rhein schwimmen. Wir sprangen oberhalb der Brücke ins eiskalte Wasser und ließen uns von der Strömung treiben. Wichtig war nur, genau zwischen den Brückenpfeilern zu bleiben. Kam man ihnen zu nahe, zog einen die wirbelnde Strömung nach unten, nur um einen fünfzig oder hundert Meter flussabwärts wieder auszuspucken. Nichts für schwache Nerven!

Die Jahre, die ich nun schon am Rhein verbracht habe, addieren sich auf mehr als vier Jahrzehnte und es zieht mich immer wieder zurück. Was habe ich in dieser Zeit nicht gemacht? Geangelt habe ich nie … jedenfalls nicht hier. In Deutschland braucht man dafür bekanntlich einen Fischereischein, für den man zunächst eine Prüfung ablegen muss. In Nordrhein-Westfalen besteht diese aus einem theoretischen und einem praktischen Teil. Aber dazu komme ich gleich.

Ich gehe gerne früh morgens am Rheinufer spazieren. Manchmal nutze ich die Zeit, um mich gedanklich auf den Tag vorzubereiten. Manchmal ist es genau umgekehrt: Dann geht es einfach darum, einen Gang herunterzuschalten und die Ruhe zu genießen. Das Wasser, das gegen die Steine schlägt. Enten, die den Kopf unter die Oberfläche tauchen. Die kleinen Lebewesen im Gras. Das gelegentliche Geschnatter einer Gänseschar über mir. Selbst die Möwen gehören dazu. All das hilft, den Lärm aus E-Mails, Telefonaten und Terminen für eine Weile auszublenden.

Und dann sind da noch die Angler. Sie sitzen still an ihren Ruten. Auf einen Gruß antworten sie fast immer. Ist es das Angeln selbst? Oder ist es die Fähigkeit, einmal stillzusitzen und all das wahrzunehmen, was den meisten Menschen entgeht, weil sie keine Zeit haben, stehen zu bleiben?

Irgendwann spielte ich tatsächlich mit dem Gedanken, noch einmal die Schulbank zu drücken und den Fischereischein zu machen. Aber so weit war ich noch nicht. Wenn ich ehrlich bin, hätte ich das Ganze vermutlich noch eine ganze Weile vor mir hergeschoben, wäre da nicht dieses Frühstück mit Christian gewesen.

Christian ist Jäger, begeisterter Land-Rover-Fahrer und Mitglied im Series 2 Club. Gesprächsstoff gibt es bei uns eigentlich immer, und nicht selten sitzen wir irgendwann bei ihm in der Küche und halten einen gemütlichen Plausch. Worum es an diesem Morgen ursprünglich ging, weiß ich gar nicht mehr. Plötzlich verschwand Christian aus dem Raum und kam kurz darauf mit einem langen, schmalen Futteral aus Segeltuch zurück. Es war, wie sich herausstellte, eine seiner jüngsten Anschaffungen. Erst als er die einzelnen Teile herauszog, erkannte ich, was vor mir lag: eine historische Fliegenrute von House of Hardy. Sie war wunderschön.

Ich kann sie nicht genau datieren, aber sie stammt ganz sicher aus einer Zeit, lange bevor Glasfaser oder Carbon überhaupt ein Thema waren. Bambus. Ich nahm sie in die Hand und sie fühlte sich einfach richtig an. Solche alten Dinge sind schwer zu erklären. Sie scheinen ihre eigene Geschichte in sich zu tragen. Da lag etwas vor mir, vermutlich fast so alt wie ich selbst, einst das Beste seines Fachs, und doch funktioniert es bis heute tadellos … genau wie Larry, mein Land Rover von 1963, der mich noch immer überall hinbringt, wo ich hin möchte. Zugegeben, etwas langsamer als moderne Fahrzeuge. Aber ich habe es ohnehin nicht eilig.

Jedenfalls nahm unser Gespräch von diesem Moment an eine ganz neue Richtung. Irgendwann ließ ich fallen, dass ich ebenfalls darüber nachdachte, den Fischereischein zu machen. Aber was war mit der Theorie? Den Fischen? All den Dingen, die ich lernen musste? Christian blieb völlig gelassen. “Du schaffst das.” Mehr sagte er nicht. Mehr brauchte es auch nicht. Plötzlich bekam ich den Gedanken nicht mehr aus dem Kopf. Und je länger ich darüber nachdachte, desto häufiger wanderte ich gedanklich zurück an den River Wey, der unten durch den Garten meines Onkels floss. Damals war ich noch ein Dreikäsehoch. Die kleinen Fische, die dumm genug waren, meinen Köder zu nehmen, faszinierten mich jedes Mal aufs Neue. Rückblickend war das wahrscheinlich ein ausgesprochen cleverer Schachzug meines Onkels. Denn so war ich von kurz nach dem Frühstück bis zum Nachmittag beschäftigt und zufrieden.

Als ich älter wurde, ging ich oft zum Fluss in der Nähe unseres Hauses, setzte mich allein oder mit einem Freund auf eine Brücke und warf die Angel aus. Komischerweise spielte es gar keine große Rolle, ob ich etwas fing oder nicht. Smartphones gab es damals natürlich noch nicht, und für Kinder war es ganz selbstverständlich, draußen zu sein, zu spielen, Unsinn anzustellen oder einfach Zeit in der Natur zu verbringen. Vielleicht wusste ich schon damals, ohne es wirklich zu ahnen, diese Ruhe zu schätzen.

Manchmal schließt sich eben der Kreis. Vor vielleicht zwanzig Jahren verbrachten wir unseren Familienurlaub in Dänemark. Ich hatte vergessen, eine wetterfeste Jacke einzupacken, und landete deshalb in einem Jagd- und Angelgeschäft im nächsten Ort. Tristan, damals ebenfalls noch ein Dreikäsehoch und wie immer unheimlich neugierig, zeigte auf die Angelruten, die mitten im Laden standen. Nun ja, wie hätte ich ihm diesen Wunsch abschlagen können? Also fragte ich den Verkäufer, ob ich für einen nahegelegenen See einen Angelschein kaufen könne. Konnte ich. So nahm ich eine Rute, etwas Zubehör, Köder usw. und dachte mir: Es ist zwar eine Weile her, aber so schwer kann das doch nicht sein. Und wenn ich schon dabei war, warum meinem Sohn nur vom Angeln erzählen, wenn ich es ihm auch zeigen konnte?

Am Nachmittag fanden wir den Forellensee. Typisches Herbstwetter: grau, feucht und ein frischer Wind. Ich trug meine neue Jacke, Tristan steckte in einem Overall mit integrierten Gummistiefeln. Vielleicht war ich ein wenig zu optimistisch gewesen, hatte ich doch geglaubt, der junge Mann würde genauso fasziniert am Ufer stehen wie ich einst und geduldig darauf warten, dass sich die Pose endlich bewegte oder, noch besser, unter Wasser verschwand. Doch irgendwann war seine Geduld aufgebraucht und er begann, Steine in den See zu werfen. Das kam bei den anderen Anglern erwartungsgemäß nicht besonders gut an. Doch wie, glaubt ihr, reagierten sie erst, als plötzlich ein Schrei zu hören war und es gleich darauf noch deutlich lauter platschte? Tristan hatte den Halt verloren und war ins Wasser gefallen. Wenn schon ein Stein Kreise zieht, dann war er der sprichwörtliche Sturm im Wasserglas. Ich zog ihn natürlich sofort wieder heraus und damit war unser erster Angelausflug ebenso abrupt beendet, wie er begonnen hatte.

Zurück in der Gegenwart kreisten meine Gedanken auf der Heimfahrt von Christian darum, ob ich mich tatsächlich für einen Vorbereitungskurs anmelden sollte. Nachteile gab es eigentlich keine, es sei denn, man hält einen Mittsechziger, der noch einmal die Schulbank drückt, für einen solchen. Zum Glück gab es Online-Kurse, sodass ich nicht als Opa zwischen einer Klasse voller Jugendlicher sitzen musste. Trotzdem fiel es mir erstaunlich schwer, auf Jetzt kaufen zu klicken. Ich hatte Artikel zu schreiben, Termine einzuhalten, und das Projekt landete erneut auf der langen Bank … mit einem kleinen Haken. Elisabeth, meiner Frau, hatte ich nämlich bereits erzählt, dass ich am Rhein angeln wollte.

An meinem Geburtstag nahm Elisabeth mir schließlich die letzte Ausrede. Sie schenkte mir einen Zugang zu Fishing King. Nun gab es keine Ausrede mehr. Ich musste mich auf der Plattform anmelden, die App herunterladen und herausfinden, wann die nächsten Prüfungen stattfanden—in Köln werden sie nur zweimal im Jahr angeboten. Der 24. Juni. Moment mal. Es war der 20. April. Es blieben mir also gerade einmal neun Wochen und zwei Tage, um etwas zu lernen, von dem ich im Grunde keine Ahnung hatte. Alles, was ich mir im Laufe der Jahre angeeignet hatte, war auf Englisch gewesen. Selbst die Fische hießen plötzlich anders. Ich musste ganz von vorne anfangen.

Der Lehrplan hatte es in sich. Fischbiologie, Gewässerökologie, Natur- und Tierschutz, Fischarten bestimmen, Gerätekunde und sogar der korrekte Aufbau verschiedener Angelmontagen. Ach ja, die Fischbestimmung … das bedeutete, neunundvierzig verschiedene Arten sicher zu erkennen. Neunundvierzig! Zum Glück empfiehlt der Kurs einen Kartensatz, auf dem jede einzelne Art detailgetreu dargestellt ist. Ich übertreibe nicht: Ich breitete die Karten auf dem Tisch aus und sah Fische. Einfach nur Fische. Gut, eine Regenbogenforelle, einen Aal und eine Makrele hätte ich erkannt. Der Rest? Fische.

Was bedeutete das nun für mich? Spätestens vier Wochen vor dem Prüfungstermin musste ich angemeldet sein. Tatsächlich musste ich mich sogar deutlich früher entscheiden, denn wie sich herausstellte, legen jedes Jahr erstaunlich viele Menschen in Köln die Fischerprüfung ab und die Plätze sind begrenzt. Der nächste freie Termin wäre erst im November gewesen. Ich musste eine Entscheidung treffen.

An dieser Stelle kam Tristan ins Spiel. Er hatte selbst große Lust auf das Thema, ohne allerdings die Prüfung ablegen zu wollen. Stattdessen machte er es sich zur Aufgabe, mich jeden Tag zu testen. Gemeinsam lernten wir die Fischarten. Am Abend arbeitete er sich durch den Stoff, damit er mich am nächsten Morgen abfragen konnte. Schon bald prüften wir uns gegenseitig, Tag für Tag. Nach ein paar Wochen meldeten wir uns schließlich beide für die Prüfung im Juni an. Erledigt. Bezahlt. Jetzt gab es kein Zurück mehr.

Unsere Handys waren ständig voller Lern-Apps, die Tutorials liefen rauf und runter, Knoten wurden geübt, Fischkarten lagen im ganzen Haus verteilt und wir fragten uns gegenseitig immer wieder sechs Arten auf einmal ab. Wir lösten Probeprüfungen, bauten die Ruten auf, die wir besaßen, und zeichneten diejenigen, die uns noch fehlten. Langsam hörten Fische auf, einfach nur Fische zu sein. Sie bekamen unverwechselbare Formen, Farben und Merkmale. Beim Frühstück, Mittag- und Abendessen drehten sich die Gespräche plötzlich um Laichzeiten, Mindestmaße und Fragen wie: “Wer wählt den Vorstand der Fischereigenossenschaft?” Ja, das ist eine echte Prüfungsfrage. Eine von insgesamt 403 Fragen, die wir aus dem Effeff beherrschen mussten.

Wenn man Spaß hat, vergeht die Zeit wie im Flug. Und tatsächlich verging sie wie im Flug. Allerdings wurde aus der anfänglichen Begeisterung irgendwann echter Prüfungsstress. Der Termin rückte näher, unsere Arbeit wurde nicht weniger und auch das Familienleben machte keine Pause. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Elisabeth spätestens Mitte Juni die Nase voll davon hatte, im Wohnzimmer überall abgeschnittene Angelschnur zu finden und auf die Frage “Nenn mir eine Zahl zwischen eins und zehn” mit einer Zahl antworten zu müssen, damit wir anschließend zufällig eine der verschiedenen Rutenmontagen zusammenbauen konnten. Aber dieser Zug war längst abgefahren. Jetzt musste er bis zum 24. Juni durchrollen.

Meine Prüfung begann morgens um acht. Tristan war erst um zwei Uhr nachmittags an der Reihe. Als Frühaufsteher machte mir die Uhrzeit nichts aus. Ich hatte mir allerdings vorgenommen, an diesem Morgen die App kein einziges Mal mehr zu öffnen. Wenn ich den Stoff bis dahin nicht konnte, würde ich mich nur noch zusätzlich verwirren. Theoretisch hätte es durchaus einen Vorteil haben können, dass wir die Prüfung nicht gleichzeitig ablegten. In der Praxis konnte ich Tristan hinterher allerdings nur den Ablauf schildern. Tipps oder Tricks gab es keine. Am meisten überraschte mich die Rute, die ich für den praktischen Teil aus den ausgelosten Komponenten zusammenbauen musste: eine Trockenfliegenrute. Ich dachte an Christians alte Hardy-Rute und lächelte. Einfacher hätte es kaum sein können. Ehrlich gesagt stand ich bestimmt eine Minute vor den ordentlich auf dem Tisch liegenden Einzelteilen, weil ich überzeugt war, irgendetwas übersehen zu haben. Hatte ich aber nicht.

Tristan und ich bestanden die Prüfung beide mit Bravour. Kein einziger Fehler.

Mit fünfundsechzig habe ich festgestellt, dass man jederzeit noch einmal Anfänger sein kann. Und besser noch: Ich kann mich jetzt darauf freuen, an den Ufern meines Lieblingsflusses und vielleicht auch an dem einen oder anderen weiteren Gewässer zu angeln. Nicht mehr nur dem vertrauten Brummen der Lastkähne zuzuhören, sondern zuzusehen, wie ihre Bugwellen mit meiner Pose spielen, während sie gemächlich vorbeiziehen.

Safe travels!

Fotografie: Tristan Brailey

Written by

Mike Brailey

Born in the UK, Mike went to school in England and France before hiking across most of Europe in his early twenties. With a background as a photographer and engineer in the automotive industry, he has worked in Europe, the Middle East, South Africa, Southeast Asia and the Americas. His heart beats for classic cars and motorcycles, favouring an expedition equipped 1963 Land Rover Series IIA for overlanding. He is an outdoor enthusiast and, in 2016, followed his vocation to become an adventure journalist.

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